DAS PROJEKT

CENTRO EUROPEO PER I MESTIERI DELLA CONSERVAZIONE
DEL PATRIMONIO ARCHITETTONICO

Isola di San Servolo, Venezia, 1977-2006, Villa Fabris, Thiene, 2007-2023.

Nachdem der der Europarat im Denkmalschutz Jahr 1975 das gebaute Erbe wichtigen und identitätsstiftenden Teil des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens im Hinblick auf die Lebensqualität erkannte, wurden unterschiedliche Modellprojekte initiiert, um die Nutzung und den Erhalt der gebauten Umwelt zu gewährleisten.

Man erkannte, dass das traditionelle Handwerk in den Nachkriegsjahren der Bauindustrie zum Opfer gefallen war. So entstand auf Initiative der parlamentarischen Versammlung des Europarats, die europäische Stiftung PRO VENEZIA VIVA mit dem Auftrag, zwei Ziele anzugehen: bei der Rettung Venedigs als Kunstwerk und lebendige Stadt mitzuarbeiten und dort ein internationales Ausbildungszentrum für Handwerker in der Denkmalpflege, als erstes seiner Art in Europa, zu gründen.
Im Herbst 1977 fand der erste Kurs i neu gegründeten Centro Europeo per i Mestieri del Patrimonio Architettonico in Venedig statt. Die Teilnehmer waren erfahrene Handwerker, die sich für die besondere Aufgabe in der Denkmalpflege weiterbilden wollten. Die dreimonatigen Kurse beinhalten ebenso viel theoretische, wie praktische Inhalte und vermitteln so den Teilnehmern einen umfassenden Blick, weit über ihr eigenes Gewerk hinaus. Im weiteren Verlauf wurde aber auch kürzere Intensivkurse angeboten.

Das Zentrum bot Kurse für Steinmetze, Schreiner, Stuckateure, Maler, Schmiede und viele verwandte Handwerksberufe, wie Pflasterer, Terrazzoleger, Putzer, Töpfer, Zimmerer, Möbeltischler, Bildhauer, Dachdecker, Glaser, Tapezierer, Blechner, Installateure, Elektriker an. Venedig nimmt mit seiner Dichte an Kunstschätzen, Kunsthandwerk und Baukunst aus unterschiedlichen Epochen, dabei eine besondere Rolle ein.

Seit 1980 bestand das Centro auf der Insel San Servolo in der Lagune vor Venedig. An diesem Ort herrschte durch die internationale europäische Community und dem intensiven interdisziplinären Austausch eine ganz besondere Atmosphäre. Diese wurde unterstützt durch die Möglichkeit, Tag und Nacht in den Werkstätten tätig zu sein und nach dem normalen Tagesprogramm in einem sich auch mal in einem anderen Gewerk zu versuchen.

Leider wurden sie anfangs zahlreichen Stipendien aus den unterschiedlichen Ländern weniger und das Centro geriet Anfang der 2-tausender Jahre finanziell in Schieflage. 2006 fand der letzte dreimonatige „Mastro“ Kurs auf San Servolo statt.

2007 zog das Centro samt Werkstätten, Bibliothek und Werkstücken, die bis dorthin zu Übungs- und Schauzwecken angefertigt wurden, nach Thiene in die Villa Fabris um. Dort wurde ein neues Zentrum für Restaurierung gegründet, das der Handwerksorganisation Confartigianato Vicenza angehörte und die notwendigen Mittel hatte, das Zentrum weiterzuführen.

Jedoch auch diese Zukunft war nicht von Dauer, so lag das Zentrum in den letzten Jahren brach und wurde 2023 vollständig aufgelöst.

Hat sich die Idee des Centros überlebt? Braucht es das Zentrum nicht mehr?

2018 verfasste eine hochrangige Delegation aus europäischen Kulturministern und Vertretern unterschiedlicher Interessenverbänden und europäischen Institutionen in Davos eine Erklärung, in der sie einer hohen Baukultur und dem Erhalt dieser, eine gesellschaftliche sehr hohe Relevanz zusprechen.

Auch in der europaweiten kulturpolitischen Initiative “Neues Europäisches Bauhaus” (NEB), die die Zielstellung des europäischen Green Deals auf der höchsten Europäischen politischen Ebene wider-spiegelt, werden Nachhaltigkeit, Ästhetik und Inklusivität al zentrale Aspekte genannt. In diesem Zusammenhang wir der Umbau bestehender Bausubstanz, aufgrund des Anteils des Bausektors um die 40% der globalen Treibhausgasemission, als Leitbild definiert.

In der 2030 Agenda for Sustainable Development werden von allen Mitgliedern der UN unteranderem folgende Sustainable Development Goals als Maßnahme gegen den Klimawandel formuliert:

– SDG 12.2 effiziente Nutzung von natürlichen Ressourcen

– SDG 12.5 Reduktion des Abfallaufkommens

– SDG 11.4 Stärkung des Weltkultur- und Naturerbes

Das zeigt, dass aufgrund der aktuellen Krisen eine nie grösser gewesene Aufmerksamkeit, unserem baulichen Erbe beigemessen wird, wozu unser gesamter Baubestand als solches, im Sinne eines gebauten CO₂ Speichers, gezählt wird. Diesen gilt es zu erhalten, zu bewahren und zu revitalisieren. Dafür brauchen wir nachhaltige Sanierungs- und Instandhaltungsstrategien, die dem Bauen im Bestand sowie dem Reparieren und Optimieren von vorhandenen Bauteilen den Vorrang vor dem Austausch oder gar Abbruch und Neubau derselben einräumt.

Unser bauliches Erbe wurde durch Handwerker geschaffen, welche diese Bauwerke in Bezug auf die Bautechnik, das Material und die Oberflächen geprägt haben und ihnen damit ihr individuelles Erscheinungsbild und ihren eigenen Charakter geschenkt haben. Je nach inneren oder äußeren Einflüssen, wie auch nach zeitgemäßen oder regionalen Tendenzen, reagierte unsere gebaute Umwelt auf diese. In Denkmälern und traditionellen Handwerkstechniken steckt das gespeicherte Wissen über nachhaltige, klimafreundliche Bautechniken, wie sie bis Anfang des 20sten Jahrhunderts bestanden haben. Die Erhaltung und der Umbau dieses Gebäudebestands verlangen genaue Kenntnisse über traditionelle Materialien und Bautechniken und eine Sensibilität für den individuellen Charakter, dem jedes historische Bauwerk seine Identität verdankt.

Die moderne Bauindustrie mit ihrer Rationalisierung und Serienproduktion hat das Handwerk in eine untergeordnete Rolle abgedrängt. Unabhängigkeit und Sozialstatus des Handwerkers, sind so nahezu verloren gegangen. Der Verlust der handwerklichen Fertigkeiten und dem Wissen über traditionelle Werktechniken, durch den demografischen Wandel und Nachwuchsproblemen in den Betrieben, wie durch die gesellschaftliche Geringschätzung ausführender Berufe, ist weit fortgeschritten.

Zur Erhaltung und zum Umbau historischer Gebäude hingegen, können Standardisierung und Mechanisierung nur wenig beitragen.

Die Digitalisierung kann dabei die Chance bieten, sich von der Industrialisierung und der damit verbundenen Rationalisierung zu lösen und individuelle und erschwingliche Lösungen für den Einzelfall zu entwickeln.

Bauerhalt und Umbau braucht Handwerk!

Deshalb sind wir überzeugt, dass es das Zentrum mehr denn je braucht und wollen es wieder beleben. Dazu wollen wir in einem ersten Schritt die Community von Interessierten, Handwerkern und Ehemaligen des Centro Europeos, bilden. Dafür gründen wir einen Verein. Es braucht eine neue Generation, die das Erbe des Centro in die Zukunft weitertragen will.

Venedig

Venedig, Symbol des europäischen Kulturerbes, Ausdruck seines Reichtums und seiner unersetzbaren Werte, ist aber auch Symbol der Gefahren, die auf diesem Erbe lasten. Am 14. November 1966 war die Lagune in einem fast zwei Meter hohen Wasserschwall versunken. Und löste damit eine Welle von internationaler Solidarität aus, aus der auch am Ende auch das Centro Europeo entstand. Aufgrund des aktuellen Klimawandels, ist ein Hochwasser dieser Höhe in Venedig heute kaum noch eine Nachricht in der Tagespresse wert.

Seit Jahren schon haben internationale Organisationen wie die UNESCO, Regierungen und Privatgruppen feste Verpflichtungen für die Stadt übernommen mit dem Ziel, sie auch zum Symbol solidarischen Handelns werden zu lassen.

Hier, am Schmelztiegel der handwerklichen Traditionen und Handwerkswissen auf engstem Raum, herrscht die Atmosphäre, in der eine Handwerkeraus- und Weiterbildung, aber auch ein fachlicher Austausch, in Form von Kursen, Vorträgen, Symposien und anderen Austauschplattformen in angemessener und inspirierender Umgebung stattfinden kann.

Prof. Markus Schlempp, Coburg, 2024

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